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„Achtung: Opportunitätskosten!“

ZEIT-Redakteur Ulrich Schnabel hielt an der Fachhochschule Münster Vortrag zum Thema Muße


Münster (20. Dezember 2012). Mit einem kleinen Geständnis wartete Prof. Dr. Wieland Appelfeller gestern (19. Dezember) bei seiner Begrüßung zum Vortrag von ZEIT-Redakteur Ulrich Schnabel in der Fachhochschule Münster auf: „Muße und Nichtstun", die zentralen Begriffe des Vortrags, „sind Dinge, die ich lange selbst nicht beherrscht habe", sagte der Hochschullehrer vom Fachbereich Wirtschaft. Nachdem er Schnabels aktuelles Buch zum Glück des Nichtstuns gelesen hatte, sei ihm aber schnell klar gewesen, dass er den Wissenschaftsjournalisten für einen Vortrag an der Hochschule gewinnen müsse. „Auch wenn ich als Studiengangsleiter viel von meinen Studierenden fordere, ist klar, dass es neben Leistungs- auch Ruhephasen geben muss", begründete Appelfeller sein persönliches Interesse am „geistreichen Nichtstun".

Für Schnabel sind die Schwierigkeiten des Professors, „einfach mal nichts zu tun", ein weitverbreitetes Phänomen der heutigen „Beschleunigungsgesellschaft". Diese treibe die Menschen mit ihrem Primat des „Immer-mehr und Immer-schneller" regelrecht vor sich her und durchdringe alle Bereiche des Lebens. Sei es der technische Fortschritt, die rasante Entwicklung der Kommunikation oder gar die Liebe, nach der heute mit Methoden wie dem „Speed Dating" gesucht werde - überall seien Beschleunigungsprozesse sichtbar. „Das stellt die Menschen letztlich vor ein Paradox", sagte Schnabel. „Wir haben heute in jeder Hinsicht mehr Möglichkeiten - aber damit steigen auch unsere Ansprüche, durch die wir uns selbst unter Druck setzen, überall mithalten zu müssen."

Die Welt des Konsums biete eine immense Auswahl an verschiedensten Gütern, doch diese scheinbare Vielfalt koste ihren Preis, sie verursache sogenannte Opportunitätskosten: „Wer heute im Geschäft aus 100 Produkten auswählt, der entscheidet sich nicht für ein Produkt, sondern gegen 99 andere", erklärte Schnabel. Schon beim Bezahlen an der Kasse zweifelten dann viele Konsumenten, ob sie aus den ganzen Möglichkeiten nun auch wirklich das für sie beste Objekt ergattert haben. „Bei mir schrillen inzwischen die Alarmglocken, wenn ich ein Geschäft betrete. ‚Achtung: Opportunitätskosten!‘, denke ich dann und bin regelrecht froh, wenn ich mal nur zwei Gegenstände zur Auswahl angeboten bekomme."

Ganz gezielt nach einer Beschränkung der Möglichkeiten zu suchen, könne ein möglicher Weg sein, dem Dilemma zu entkommen. „Wenn Sie in einer einsamen Berghütte ein Buch lesen, ist das etwas völlig anderes, als wenn Sie das in Ihrem Wohnzimmer neben dem Fernseher, dem Computer und all den anderen Ablenkungen tun", erklärte Schnabel das Prinzip der Möglichkeits-Reduktion.

Damit hatte der Journalist schon einen ersten Ratschlag gegeben, was zu tun sei, um das Nichtstun richtig zu tun. „Eigentlich wollte ich ja keine Empfehlungen geben, denn das widerspricht dem Grundprinzip der Muße - sich etwas Angenehmes aus eigenem Antrieb und aus freien Stücken vorzunehmen", sagte Schnabel mit einem Schmunzeln. Ein paar Rezepte für die Muße verriet er aber dann doch. Sich Freiräume für kreative Gedanken zu schaffen, sich Verbündete suchen und lernen, auch mal „Nein" zu sagen, waren einige der Tipps, die Schnabel den Zuhörern mit auf den Weg gab. „Ich empfehle auch, im Kalender einfach mal ‚Nichts tun‘ einzutragen und sich dann auch daran zu halten." Auch ein klassischer Mittagsschlaf helfe oft Wunder. „Als ich mir ein Sofa in mein Büro gestellt habe, haben die Kollegen erst komisch geschaut - aber letztens habe ich einen erwischt der darauf ein Nickerchen gemacht hat".


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