DE

Eine Niete entlarvt Götz von Berlichingen

Drei Studenten der FH Münster prüfen Mythos unter orthopädietechnischen Aspekten


Münster/Steinfurt (15. April 2019). Das Klirren von Schwertern, das dumpfe Aufeinanderprallen von Schutzschildern, entfernte Schmerzensschreie – und mittendrin Götz von Berlichingen. Der tapfere Reichsritter, der trotz seiner Armprothese mutig um sein Leben und das der seinen kämpft … So oder ähnlich sahen wohl die Bilder aus, die sich Lukas Fischer, Benjamin Roß und Nils Knauseder vorgestellt haben, als ihr Professor Dr. David Hochmann in der Vorlesung an der FH Münster die Legende von Götz von Berlichingen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Prothetik beleuchtet hat. Denn auch privat interessieren sich zwei von ihnen für Geschichte, Showkampf und Schwerter.

In ihrem Praktikum „Messtechnik in der technischen Orthopädie“ haben sie das Thema dann noch einmal näher betrachtet. „Mich persönlich hat Handprothetik besonders interessiert“, sagt Knauseder. Da lag es für die Studenten bereits auf der Hand, dass zu Lebzeiten Götz von Berlichingens ein Kampf mit einer Handprothese nahezu unmöglich war – denn zu der damaligen Zeit war die Handprothese starr und die Feinmechanik zu empfindlich. Und dennoch wollten sie wissen, ob die Niete am Daumengelenk der Prothese den Belastungen eines Schwerthiebes standhalten würde.

Die große Schwierigkeit an dem Thema war die Recherche. Die Studenten haben sich in zum Teil fachfremder Literatur vergraben, unter anderem die Biographie von Götz von Berlichingen gelesen. Außerdem mussten sich die drei auf die Suche nach alten Konstruktionszeichnungen der Prothese begeben, um abzuschätzen, wie groß die Niete war, die den Daumen mit der Prothese verbindet. Auf dieser Basis haben sie ausgerechnet, welche Kraft die Niete aushalten würde.

So weit die Theorie. Dann kam die Praxis: Hält die Niete denn wirklich einem Schwerthieb stand? Dafür mussten die Studenten ein Modell der Götz-Prothese mit zwei eingespannten Stahlplatten aufbauen und anschließend instrumentieren, dass die beim Schlag entstehende Kraft messbar wird. Das funktioniert mit sogenannten Dehnungsmessstreifen, die sie auf eine der beiden Stahlplatten geklebt haben. An dieser Stahlplatte befestigten sie dann noch ein Rohr – das Schwert von Götz von Berlichingen. Bekommt das Schwert-Rohr einen Schlag ab, dehnt sich der Stahlbalken im Prothesen-Modell inklusive Messstreifen. „Die elektrische Spannung, die bei dieser Dehnung entsteht, lässt sich messen, und wir können so auf die gesuchte Kraft schließen“, erklärt Fischer.

Die Schwerthiebe, die Götz von Berlichingen parieren musste, imitierten die Studenten mit einem Vierkantrohr. Insgesamt 27 Mal schlugen sie mit drei verschiedenen Intensitäten auf ihr Modell ein. Währenddessen haben sie die Spannungen gemessen. „Die Kollegen haben uns ziemlich entgeistert angeschaut“, erzählt Roß, während er erläutert, dass diese Versuchsreihe viel Lärm gemacht hat.

Als Ergebnis ihres Versuchs, den sie über knapp ein halbes Jahr hinweg entwickelt und durchgeführt haben, halten die drei Studenten – auch für die Vorlesungen der nächsten Jahre am Fachbereich Physikalische Technik – fest: Die Niete des Daumengelenks in der Handprothese von Götz von Berlichingen hätte unmöglich die Belastungen eines Kampfes ausgehalten. Und da es ohne Daumen schwer wird, ein Schwert zu halten und ein Kampf ohne Schwert so gut wie verloren ist, bleibt der Legende um den Ritter wohl nur ein Mythos.


Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Weitere Informationen und die Möglichkeit zum Widerruf finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Seite drucken